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Viel Getöse um den Ärztemangel – was kurzfristig helfen würde!

 

Früher war alles besser, sagt man immer. Zieht man als Gradmesser die Zahl der Ärzte heran, scheint das zumindest rein zahlenmäßig nicht zu stimmen. 1996 hatten „nur“ rund 280.000 Ärzte rund 81,5 Millionen Bundesbürger zu versorgen (294 Bürger pro Arzt). 2022 standen bereits über 421.000 Mediziner zur Verfügung. Bei einer Bevölkerungszahl von 84,3 Millionen müssen heute Ärzte nur noch 200 Patienten versorgen, immerhin ein Drittel weniger als vor knapp 30 Jahren.

Das sollte doch locker reichen, sollte man meinen. Reicht aber nicht! Der medizinische Fortschritt hat uns im Vergleich zu 1996 derart viele Potenziale eröffnet, die nun auch bis in die weiteste Subspezialisierung hinein bedient werden müssen. Natürlich schlägt auch der demographische Faktor - eine alternde Bevölkerung mit immer höherer Krankheitslast und steigendem Behandlungsbedarf – mächtig zu Buche. Und schließlich hat sich die Einstellung zum Beruf hin zu mehr Anstellungen und Teilzeitzeitarbeit fast schon revolutionär verändert.

Angesichts dieser Trends sind die bloße Ärztestatistik und die Vergleiche zu früher reine Makulatur. Die meisten Mediziner sind heute vollständig ausgelastet und zudem darüber frustriert, dass der – für viele kürzere Tag – längst nicht mehr ausreicht und ein potenzieller Nachfolger ohnehin nicht in Sicht ist. Da werden schnell Forderungen laut, was zu tun ist, um dieser Misere entgegenzuwirken. Und zwar schnell.

Verwundert reibt man sich dabei die Augen, wenn dann immer an erster Stelle – so auch Minister Karl Lauterbach - die Erhöhung der Zahl der Studienplätze um 5.000 auf 16.000 genannt wird. Denn das wird 10 Jahre dauern, bis davon erste Effekte spürbar sein werden. Auch die sektorübergreifende Versorgung wird immer als schnelle Wunderwaffe ins Spiel gebracht. Im Grundsatz ist das richtig. Doch auch das wird aber angesichts der verkrusteten Strukturen im Gesundheitswesen ebenfalls lange dauern, bis hier erste entlastende Effekte eintreten werden.

Was dagegen kurzfristiger helfen würde, wäre eine höhere Bereitschaft der Ärzte, weit mehr Leistungen als bisher zu delegieren und substituieren. Dies würde zugleich die Berufsfelder wie die Physican Assistants, die Community Health Nurse, akademisierte Pflegekräfte oder Physiotherapeuten aufwerten, die unter anderen Bedingungen allesamt Ärztinnen und Ärzte enorm entlasten könnten. Die Versorgungsassistentin in der Arztpraxis (Verah) in der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) ist hierfür das beste Beispiel. Die Furcht des Hausärzteverbandes, der insbesondere bei der Substitution als der große Bremser auftritt, weil er noch mehr Schnittstellen im System befürchtet, ist unbegründet. Jedenfalls, dann, wenn der Hausarzt als echter Lotse - wie in der HzV – etwa in einem ambulanten Gesundheitszentrum die Schnittstellen so zusammenfügen kann, dass ihm dafür Zeit eingeräumt wird und er dies auch honoriert bekommt. Dann brauchen wir auch so schnell nicht so viel mehr Ärzte, weil es dann weniger unnötige Untersuchungen, Behandlungen und Operationen gibt, die den Ärzten den Freiraum verschaffen, den sie derzeit nicht haben.