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Primärarztsystem in Deutschland – 2026 wird das Jahr der Weichenstellungen

 

 

2026 könnte das Jahr sein, in dem in der Gesundheitspolitik die Weichen für solch grundlegende strukturelle Änderungen gelegt werden wie schon lange nicht mehr. Wenn das Primärärztesystem  - wie im Koalitionsvertrag vorgesehen – tatsächlich kommen sollte, wird sich für alle sehr viel ändern – Hausärzte, Fachärzte, nicht ärztliche Gesundheitsfachkräfte und natürlich auch für jeden Patienten. Was ist geplant? Patienten sollen künftig – von Ausnahmen abgesehen – im Krankheitsfall stets zuerst ihren festen Hausarzt kontaktieren und erst dann – sofern medizinisch nötig – zum Facharzt oder in eine Klinik überweisen werden. Direkte und unnötige Facharztbesuche sollen so weitgehend unterbunden werden.

 

International liegen seit vielen Jahren in einigen – strukturell allerdings anders aufgestellten - Staaten- gute Belege dafür vor, dass ein Primärversorgungssystem die Versorgung verbessert, Krankenhauseinweisungen reduziert und die Kosten senkt, so die Überzeugung der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM). Und der Hausärzte und Hausärztinnenverband weist nicht zu Unrecht immer wieder darauf hin, dass in Deutschland mit der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) bereits ein Modell erfolgreich praktiziert wird, in dem rund 10 Millionen eingeschriebenen Patientinnen und Patienten ein Primärarztsystem erproben, das durchaus zumindest partiell als Blaupause für die künftige Gesetzgebung dienen könnte.

 

Dabei verschweigt die DEGAM aber auch nicht, dass es 3 wunde Punkte gibt, die eine erfolgreiche Umsetzung zumindest erschweren könnten.

 

Punkt 1: Gibt es überhaupt genügend Hausärztinnen und Hausärzte, die den zu erwartenden Zustrom von neuen Erstkontakten stemmen können? Wenn alles so weiter geht, sicherlich nicht. Wenn jedoch unnötige Arbeitsbelastungen der Allgemeinmediziner reduziert werden könnten, dann schon. Und da gäbe es eine Menge Möglichkeiten: dazu zählen zum Beispiel (zu) viele Konsultationen für AU-Bescheinigungen bei Infekten, immer wieder von neuem unzählige quartalsbezogene Wiedervorstellungen oder immer neue und dabei zum Teil umstrittene Präventionsleistungen. Hier wäre also der Gesetzgeber mit der Einführung des Primärarztsystems gleich doppelt gefordert.

 

Punkt 2: Stehen überhaupt ausreichend nichtärztliche Gesundheitsberufe zur Verfügung, die den Zustrom von neuen Patienten in vorderster Front auffangen können? Nein derzeit nicht, auch wenn die Hausärzte-Verbände derzeit die Teampraxis stark in den Fokus rücken. Die Erwartung der DEGAM jedoch, dass mit den neuen akademischen nichtärztlichen Gesundheitsberufen bald ausreichend weitere zusätzliche Kräfte für die hausärztliche Praxis zur Verfügung stehen, wird sich so rasch nicht erfüllen. Dafür ist der Bedarf zu groß und die Ausbildungskapazitäten (derzeit) noch zu gering. Zu Recht fordert die DEGAM hingegen, in der Arztpraxis über die Vergütung finanzielle Anreize zu setzen, um die Ausführung von Tätigkeiten durch nichtärztliches Fachpersonal zu stärken. Das wird manchem Hausarzt vielleicht gar nicht so leichtfallen, ist aber alternativlos. Genauso alternativlos ist es aber dann zur Entlastung der Hausärzte, wie in der HZV den bisher im Abrechnungssystem bindenden Arzt-Patienten-Kontakt durch einen Praxis-Patienten-Kontakt zu ersetzen.

 

Und dann schließlich Punkt 3, ein Dauerbrenner. Kann der schon oft beschworene Abbau von Bürokratie jetzt endlich eingeleitet werden? Mit der Etablierung des Primärärztesystems wäre das der ideale Zeitpunkt, um etwa die Formularflut, unnötige Doppeluntersuchungen aufgrund ineffizienter Schnittstellen und eine unzureichende Digitalisierung offensiv anzugehen. Auch das wird Zeit benötigen, ist aber ebenso längst überfällig.

 

Fazit der DEGAM-Positionierung: Alle Vorschläge dienen dazu, mehr wertvolle Zeiten für die ärztlichen Kernaufgaben freizuschaufeln, die in einem Primärärztesystem auch dringend benötigt würden. Richtig ist auch, dass nun erst mal der Gesetzgeber am Zug ist. Doch auch die Allgemeinmedizin wird sich nicht zurücklehnen können. Auch sie wird während des Gesetzgebungsverfahrens kontroverse Debatten darüber führen müssen, welche (weiteren) ärztlichen Tätigkeiten sie nicht nur delegieren, sondern tatsächlich substituieren muss. Und: Um wie viel besser das nichtärztliche und zunehmend auch akademische Praxispersonal – strukturell wie finanziell - gestellt werden muss, damit aus einen Primärärztesystem tatsächlich ein echtes Primärversorgungssystem werden kann.